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Pressegespräch anlässlich der Eröffnung der Akutgeriatrie
„Der Wert einer Gesellschaft wird einmal daran gemessen werden, wie sie ihre Alten behandelt hat.“ (Albert Einstein)
Seit 7. Jänner 2008 ist das Landes-Krankenhaus Bad Ischl um ein neues Fachgebiet reicher. Das Department für Akutgeriatrie und Remobilisation ist ein weiteres Mosaiksteinchen in der medizinischen Versorgung von akut erkrankten älteren Menschen im Inneren Salzkammergut. Ziel ist es, eine möglichst hohe Selbstständigkeit und Mobilität zu erreichen. „Aus dem Bett herauspflegen“, lautet das Motto der neuen Einrichtung, die unter der Leitung von OA Dr. Alexander Garstenauer steht.
Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer, Bundesminsterin Dr. Andrea Kdolsky und Landesrat Josef Ackerl eröffnen das neue Department
Bundesministerin Dr. Andrea Kdolsky: Demografische Entwicklung stellt Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen
„Derzeit leben rund 1,8 Millionen Menschen in Österreich, die älter als 60 Jahre sind“, sagt Dr.in Andrea Kdolsky, Bundesministerin für Gesundheit, Jugend und Familie. Im Jahr 2025 werden bereits 2,9 Millionen ÖsterreicherInnen mindestens 60 Jahre auf dem Buckel haben. Das heißt, der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung steigt innerhalb weniger Jahre von derzeit 20 auf 35 Prozent. „Die demografische Entwicklung zeigt, dass die steigende Lebenserwartung die Gesellschaft, die Wirtschaft und das Sozialsystem sowie das Gesundheits- und Versorgungssystem vor neue Herausforderungen stellt, die bewältigt werden müssen“, sagt Kdolsky. Parallel zum Wandel in der Bevölkerungsstruktur ändern sich auch die Haushalts- und Familienstrukturen, was zu einer dramatischen Änderung in der Pflegesituation führen wird. „Es muss davon ausgegangen werden, dass das Pflegepotenzial in den Familien abnehmen wird“, sagt Kdolsky. Die Gründe dafür sind vielfältig: geringere Geburtenzahlen, Zunahme kinderloser Personen, höhere Frauenerwerbsquoten, Mobilität und die damit verbundenen Entfernungen zwischen den Generationen. „Durch diese Veränderungen wird der Unterstützung und Förderung außerfamiliärer Netzwerke große Bedeutung zukommen, denn die Anzahl älterer Menschen ohne Unterstützung durch Familienangehörige wird steigen“, sagt Kdolsky.
Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer: Netzwerk für die älteren Menschen im Inneren Salzkammergut
Die älteren Menschen nehmen im Gesundheitssystem einen besonderen Platz ein. Sie neigen zu Multimorbidität, Immobilität, Beeinträchtigungen in den Alltagsfunktionen und sozialer Abhängigkeit. Die Landesstatistiker haben errechnet, dass in Oberösterreich die Zahl der pflegebedürftigen Menschen bis zum Jahr 2030 um weitere 33.000 Personen auf insgesamt 100.000 ansteigen wird. „Darauf stellen wir uns jetzt schon ein“, sagt Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer. „Gesundheitsversorgung auf die Bedürfnisse älterer Menschen auszurichten, ist oberstes Gebot der Gesundheitspolitik.“ Daher wurden Ziele, Leistungen und Qualitätsstandards für die Akutgeriatrie bundesweit einheitlich definiert und ein flächendeckendes Netz solcher Angebote geplant. „Oberösterreich hat die Planungen schon vielfach umgesetzt. Bad Ischl ist ein weiterer Meilenstein zur Wiederherstellung und Erhöhung der Lebensqualität älterer PatientInnen“, sagt der Landeshauptmann. „Mit der Implementierung des Departments für Akutgeriatrie und Remobilisation am Landes-Krankenhaus Bad Ischl wird ein Netzwerk für die älteren Menschen im Inneren Salzkammergut geschaffen. Sie sollen sich darauf verlassen können, dass ihnen im Falle des Falles in Bad Ischl eine Akutgeriatrie auf dem neuesten Stand der medizinischen Kunst zur Verfügung steht. Besonderer Dank gilt ÄrztInnen und Pflegepersonal, die für eine fachlich exzellente Betreuung sorgen.“ Das LKH Bad Ischl ist das insgesamt achte Krankenhaus in Oberösterreich, das eine Station für Akutgeriatrie und Remobilisation führt. Bereits mit Akutgeriatrien ausgestattet sind das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz, das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz, das Allgemeine Krankenhaus der Stadt Linz (AKH), das Krankenhaus St. Franziskus Grieskirchen, das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried im Innkreis, das Krankenhaus Sierning der Kreuzschwestern sowie das Zentrum für Akutgeriatrie und Innnere Medizin Buchberg, das zum gespag-Krankenhaus Gmunden gehört. „Die geriatrischen Einrichtungen stellen für akut erkrankte ältere PatientInnen in einer Krise oder Verletzung einen Ort dar, an dem sie Vertrauen für die Bewältigung der notwendigen Behandlungen finden können“, sagt Dr. Josef Pühringer. „Sie sind weder Diagnosefabriken noch Behandlungsförderbänder“, stellt der Landeshauptmann klar. Der Grundsatz lautet: Remobilisation statt Pflegebedürftigkeit auf Dauer.
Patientin Theresia Rippel freute sich über den prominenten Besuch
Dr. Harald Geck, Vorstandsmitglied der gespag: Alterskrankheiten verlangen besonderes diagnostisches und therapeutisches Vorgehen
Seit im Jahr 2000 der Grundsatzbeschluss gefallen ist, eine Akutgeriatrie einzurichten, hat das Landes-Krankenhaus Bad Ischl alles daran gesetzt, diese Einrichtung ins Innere Salzkammergut zu holen. Der Träger gespag stimmte diesem Beschluss zu und ermöglichte die Umsetzungsplanung und somit die Schaffung entsprechender Räumlichkeiten im Obergeschoß des Funktionstraktes Nord. Anfang 2006 erfolgte dann der Startschuss für die umfangreichen Bauarbeiten, die zum Jahreswechsel 2007/08 erfolgreich beendet werden konnten. „Das Angebot an akutgeriatrischen Leistungen wird innerhalb der gespag nun Schritt für Schritt ausgebaut. Nach der Eröffnung der Akutgeriatrie in Bad Ischl werden wir 2009 den Standort Buchberg in die neu errichteten Räumlichkeiten am LKH Gmunden integrieren, womit wir die Versorgungsqualität samt Hotelkomponente wesentlich erhöhen können. Bereits 2010 werden wir am Landes-Krankenhaus Rohrbach eine akutgeriatrische Versorgungseinheit für das Mühlviertel etablieren“, sagt Dr. Harald Geck, Vorstandsmitglied der gespag. Das Wort „Geriatrie“ kommt aus dem Griechischen und ist aus den Wörtern geron (der ältere Mensch) und iatreia (die Heilung) zusammengesetzt. „Die Akutgeriatrie dient der fächerübergreifenden Versorgung geratrischer PatientInnen, die direkt von ihrem Wohnbereich oder von einer medizinischen Abteilung des Krankenhauses zugewiesen werden“, sagt Dr. Harald Geck. „Ein geriatrisch qualifiziertes, interdisziplinäres Team bietet ein Behandlungs- und Betreuungsangebot, das medizinische, funktionelle, seelische, geistige und soziale Aspekte der Erkrankung gleichermaßen berücksichtigt.“ Neben der kompletten technischen Ausrüstung für die Diagnose stehen den Akutgeriatrien die Möglichkeiten aller Fachabteilungen des jeweiligen Krankenhauses zur Verfügung. „Die Alterskrankheiten und die Krankheiten im Alter verlangen ein besonderes diagnostisches und therapeutisches Vorgehen auf den Akutgeriatrien“, sagt Dr. Harald Geck. Die älteren PatientInnen werden vorwiegend von Instabilität (wiederholte Stürze), Immobilität (Bettlägerigkeit), Inkontinenz (Blasen- und Mastdarmkontrolle) sowie intellektuellem Abbau (Demenz, Delirium, Depression) bedroht. Häufige Krankheiten im Alter sind Gehirnverkalkung, Arterienverkalkung, Osteoporose, Arthrose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.
Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer, Bundesministerin Dr. Andrea Kdolsky und gespag-Vorstand Dr. Harald Geck machten sich persönlich ein Bild von der Station und besuchten dabei auch Karl Nussdorfer.
Oberstes Ziel: Förderung von Würde, Selbstständigkeit und Entscheidungsfreiheit
„Als Internist ist man häufig mit älteren PatientInnen beschäftigt“, sagt OA Dr. Alexander Garstenauer, der Leiter des Departments für Akutgeriatrie und Remobilisation am Landes-Krankenhaus Bad Ischl. „Insbesondere die in Anbetracht der allseits bekannten Bevölkerungsentwicklung in unserem Land zunehmende Multimorbidität stellt in den Akutabteilungen oft ein großes Problem dar.“ Manchmal sind mehr als zehn Diagnosen pro Patienten zu erstellen. OA Garstenauer hält es für „klug und wichtig“, mit der Schaffung von Akutgeriatrien und so genannten therapeutischen Teams diesen Herausforderungen entgegenzuwirken. „Ich freue mich, bei der Neugründung einer solchen Station dabei sein und meine bereits vorhandene Erfahrung einbringen zu können.“ Das Department für Akutgeriatrie und Remobilisation am Landes-Krankenhaus Bad Ischl richtet sich vorwiegend an Menschen mit körperlichen und seelischen/geistigen Mehrfacherkrankungen, deren Selbstständigkeit durch den Verlust der Beweglichkeit oder Denkleistung eingeschränkt ist und an solche, die einen Bedarf an funktionsfördernden, funktionserhaltenden oder reintegrierenden Maßnahmen haben. „Oberstes Ziel ist es“, sagt OA Dr. Alexander Garstenauer, „die Würde, Selbstständigkeit und Entscheidungsfreiheit der zu betreuenden Menschen zu erhalten und zu fördern.“ Mit einem Wort: Die Menschen, die sich im Department für Akutgeriatrie und Remobilisation befinden, sollen „aus dem Bett heraus gepflegt“ werden. Den zentralen Schwerpunkt setzt dabei eine Reihe von therapeutischen Pflegekonzepten:
- Basale Stimulation: Dabei werden den PatientInnen gezielte, wahrnehmungsfördernde Stimulationen, Informationen und Reize über ihren Körper angeboten, damit sie ein intaktes und vollständiges Körperbild aufbauen können. Dies versetzt die Menschen in die Lage, sich neu zu orientieren und in die Realität zurückzufinden. Dabei werden auch die Selbstheilungskräfte aktiviert.
- Kinästhetik: Sie liefert Denkwerkzeuge, um das menschliche Tun zu beschreiben, zu analysieren und schließlich effektiv zu unterstützen. Ziel ist es, die Bewegungen des kranken Menschen zu einem Lernprozess zu gestalten, für eine bessere Selbstwahrnehmung zu sorgen, Möglichkeiten zur Interaktion zu entwickeln und die eigene Gesunderhaltung zu beachten.
- Bobath: Ziele des NDT-Konzeptes (Neurodevelopmental Treatment) nach Dr. Karel Bobath sind die Vermeidung und Hemmung von Spastik, die Wiederherstellung eines angepassten Muskeltonus, die Anbahnung normaler Bewegung, die Normalisierung der Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Umwelt sowie die Selbstständigkeit in den Aktivitäten des täglichen Lebens.
- Bodenpflege: Bodenpflege ist eine individuelle, vollumfängliche, angepasste Pflegemaßnahme, wobei der Schlafplatz der PatientInnen vom Spitalsbett auf ein Matratzenlager auf dem Fußboden verlegt wird. Dadurch kann die Autonomie, Bewegungsfreiheit und Sicherheit der PatientInnen gewährleistet werden. Zum Einsatz kommt die Bodenpflege in der Begleitung und Betreuung von PatientInnen mit erworbenen Hirnschädigungen und Begleiterscheinungen wie Orientierungsstörungen, Unruhe, Defizite in der Aufmerksamkeit und Sturzgefährdung.
- Validation nach Noami Feil: Dabei handelt es sich um eine Methode, um mit desorientierten Menschen zu kommunizieren. Diese Technik hilft, Stress abzubauen und ermöglicht den Betroffenen, Würde und Glück wiederzuerlangen. Validation basiert auf einem emphatischen Ansatz und einer ganzheitlichen Erfassung des Individuums. Indem man in die Schuhe eines anderen Menschen schlüpft und mit dessen Augen sieht, kann man in die Welt der desorientierten Menschen vordringen und die Gründe für ihr seltsam anmutendes Verhalten erkennen.
„Neben all diesen Konzepten ist es jedoch der menschliche, sehr persönliche Umgang mit den PatientInnen, den wir uns zum Ziel gesetzt haben“, sagt OA Dr. Alexander Garstenauer. Der Mediziner hat sich gemeinsam mit seinem Team, das aus ÄrztInnen mit Geriatrieausbildung, PsychologInnen, LogopädInnen, ErgotherapeutInnen, PhysiotherapeutInnen sowie geschultem Pflegepersonal besteht, mehrere Besonderheiten überlegt, die den PatientInnen die Wiedererlangung ihrer Alltagskompetenzen ermöglichen sollen. So gibt es beispielsweise Therapie-Master – ein Gerät, mit dem ein gezieltes Entlasten des unteren Rückenbereiches möglich ist – in allen Zimmern, eine in den großen Sozialraum integrierte Ergotherapie-Küche, Bezugspflege („Primary Nursing), die Möglichkeit zur Bodenpflege oder auch umfassende Physiotherapie-Einrichtungen am Stockwerk, um lange Wege zu vermeiden. Nicht zuletzt sorgt die exponierte Platzierung des Departments für Akutgeriatrie und Remobilisation für eine schnellere Genesung. Den PatientInnen liegt fast ganz Bad Ischl zu Füßen. In einem ganzheitlichen Verfahren („Assessment) werden die gesundheitlichen Probleme erfasst und bewertet, um im therapeutischen Team zielorientiert und besonders effizient behandeln zu können. Die Überleitungspflege unterstützt darüber hinaus beim Entlassungsmanagement, um auch die Zeit nach dem stationären Aufenthalt optimal zu gestalten. „Wir wollen die PatientInnen wieder in die eigenen vier Wände eingliedern“, sagt OA Dr. Alexander Garstenauer.